Am 1. Februar 2013 wurde die Gewinnerin des diesjährigen Nachwuchsförderpreises zum deutsch-italienischen Übersetzerpreis bekannt gegeben: Mirjam Bitter, Doktorandin und Mitarbeiterin am GCSC, erhält den Preis für ihre 2012 erschienene Übersetzung von Stefano Bennis Roman Pane e Tempesta (Brot und Unwetter). GCSC-Alumna Elisa Antz sprach mit der designierten Preisträgerin.

Liebe Mirjam, zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch zu diesem renommierten Preis, der dir am 13. Mai von Kulturstaatsminister Bernd Neumann im Berliner Bodemuseum verliehen wird. Wie kam es zu der Teilnahme? Und wie lange musstest du auf diese Entscheidung warten?

Danke! Der Wagenbach Verlag, bei dem meine Übersetzung erschienen ist, hat mich letzten Herbst für den Nachwuchspreis vorgeschlagen. Ich habe mich da schon sehr gefreut, dass sie meine Übersetzung offenbar so gelungen fanden, eine Bewerbung überhaupt in Betracht zu ziehen. Dann war ich aber die letzten Monate so mit meiner Dissertation beschäftigt. Da kam der Anruf einer Jurorin, dass ich den Preis bekommen werde, doch sehr überraschend. Eine sehr freudige Überraschung natürlich. Ich bin schon gespannt auf die Festrede von Umberto Eco und darauf, Burkhart Kroeber kennen zu lernen, der den Preis für sein übersetzerisches Lebenswerk erhält.

Du leitest am GCSC die Redaktion des Rezensionsmagazins Kult_online und promovierst in der Germanistik. Zusätzlich hast du vor einem Jahr auch noch das Buch Brot und Unwetter von Stefano Benni aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt.
Wie kam es überhaupt zu dieser Zusammenarbeit?

Ich habe vor Beginn meiner Promotion ein Volontariat beim Wagenbach Verlag gemacht. Schon damals durfte ich Übersetzungen aus dem Italienischen lektorieren und einige Kurzgeschichten selbst übersetzen. Deshalb kam nun eine ehemalige Kollegin auf mich zu, als sie auf der Suche nach einer Übersetzerin für Bennis neues Buch waren.

Dessen Übersetzung sicher keine leichte Aufgabe war …

Buchcover Stefano Benni: Brot und UnwetterDas stimmt. Viele waren verwundert, als ich von dem Projekt erzählte, das ja meine erste Romanübersetzung war. Denn Benni gilt zuweilen sogar als ‚unübersetzbar‘. In Italien ist er sehr bekannt und er zählt zu den postmodernen Autoren Italiens. Er spielt ständig mit der Sprache und erfindet auch neue Wörter. Da wurde die Übersetzung oftmals zu einer Art Kreuzworträtsel, oder noch eher zu einer Art Detektivarbeit. Welches Wort muss ich finden oder erfinden, damit der Witz und die Interaktion zwischen Text und Leserin auch im Deutschen funktionieren?

Wie zum Beispiel die Namen der Figuren?

Ja, die Übersetzung der Namen ist ein besonders strittiger Punkt. Das Buch handelt von einem italienischen Dorf und seinen Bewohnern und deren Geschichten. Kaum ein Name ist willkürlich, denn die Namen bieten immer einen Verweis auf die Charaktere, wie zum Beispiel bei der Figur, die im Italienischen „Scrocco“ heißt und die ich im Deutschen „Schmarozzo“ genannt habe. ‚Scroccare‘ heißt nämlich auf Italienisch ‚schnorren‘ bzw. ‚schmarotzen‘. Hätte man den Namen einfach auf Italienisch stehen lassen, hätte eine deutsche Leserin das nicht verstehen können. Hätte man den Namen wiederum einfach ins Deutsche übersetzt, hätte er nicht mehr zu dem ganzen typisch italienischen Szenario gepasst. Deshalb habe ich mit „Schmarozzo“ einen Mittelweg gewählt, indem ich an das für Deutsche verständliche Wort eine italienische Endung angehängt habe. Diese Sprachspiele machen die Übersetzung natürlich nicht leichter. Doch sie machen auch Spaß, und schließlich ist es die Freude an der Sprache und die Leidenschaft für Literatur, die mich zum Übersetzen gebracht haben. Dass ich mich öfter mal bei italienischen Freundinnen und Freunden vergewissern wollte, ob ich das richtig verstanden habe, zum Beispiel bei Vincenzo Martella, der auch am GCSC promoviert hat, hatte zudem den schönen Nebeneffekt, diese Freundschaften zu pflegen, dabei gemeinsam eine Caffè zu trinken oder so.

Wieso waren diese Gespräche so wichtig für dich?

Bennis Sprachspiele ergeben sich häufig aus seiner sozialkritischen Perspektive oder aus einer satirischen Kritik an der Regierung – Berlusconi war noch italienischer Ministerpräsident, als Benni das Buch geschrieben hat. Außerdem gibt es bei ihm neben intertextuellen Verweisen auf Edgar Allan Poe oder auf Disney-Filme auch viele Bezüge zur italienischen Kultur.

Kannst du uns einige Beispiele nennen?

Gerne. Eine meiner Lieblingspassagen ist zum Beispiel das Kapitel „Trincone der Liebende“. Darin begibt sich ein Liebender auf die Suche nach seiner Angebeteten. Neben eher Slapstick-artigen Witzen gibt es für Leute, die sich ein bisschen mit italienischer Literaturgeschichte auskennen, hier noch zusätzlichen Grund zum Schmunzeln. Der Liebende ist Grundschullehrer und liest seinen Schülern am liebsten die Gedichte des melancholischen Dichters Giacomo Leopardi vor, aber auch welche von Vito Pallavicini. Benni nennt hier also einen der wichtigsten italienischen Dichter des 19. Jahrhunderts in einem Atemzug mit dem Texter von Adriano Celentanos Lied Azzurro oder Caterina Casellis Insieme a te non ci sto più und vieler weiterer populärer Songs im 20. Jahrhundert. Der neben Leopardi für die italienische Literatursprache des 19. Jahrhunderts wichtigste Schriftsteller Alessandro Manzoni hingegen wird in Bennis Romankapitel nur indirekt genannt. Als der Liebende nämlich die Klingelschilder des Hauses, in dem er seine Geliebte vermutet, liest, findet sich dort unter anderem eine Klingel mit dem Namen Manzoni. Als er dort klingelt, wird er über die Sprechanlage sofort ohne Punkt und Komma zugetextet, hat Manzoni doch im Gegensatz zu Leopardi oder dem ebenfalls im Kapitel erwähnten Carducci keine Gedichte, sondern einen langen historischen Roman, I promessi sposi (Die Verlobten), geschrieben. Das muss man nicht wissen, um das Buch zu mögen. Doch als Literaturwissenschaftlerin hat es mir natürlich viel Freude gemacht.

Andere Anspielungen sind aber entscheidend für die Pointen. Da ist dann auch als Übersetzerin die entsprechende Kreativität gefragt. Das Buch Brot und Unwetter handelt ja von einem Dorf und seinen Bewohnern und vor allem von der „Bar Sport“, die das soziale Zentrum bildet. Hier geraten die Dorfbewohner ins Erzählen. Dieses Erzählen von Geschichten in der Bar wiederum ist der eigentliche Mittelpunkt des Romans, nur lose zusammengehalten von der Romanhandlung, dass der Schlossherr Mediamogul die „Bar Sport“ zugunsten eines riesigen Einkaufszentrums abreißen lassen will und sich die unterschiedlichen Dorfbewohner im Kampf um ihre Bar solidarisieren. Der für die Rahmenhandlung wichtige Schlossherr heißt im Original „Settecanal“, was auf die sieben Fernsehsender anspielt, die Berlusconi besitzt. Ich machte eine kurze Umfrage in meinem deutschsprachigen Freundeskreis, den ich dankbarer Weise ebenfalls regelmäßig für Übersetzungs­entscheidungen einspannen konnte. Die Umfrage ergab, dass hier niemand weiß, wie viele Sender Berlusconi besitzt. Also habe ich die Figur in Absprache mit dem Autor im Deutschen „Mediamogul“ genannt. Schließlich wird Berlusconi in den hiesigen Medien oft als „Medienmogul“ bezeichnet. Durch diese Interpretationen ist das Übersetzen für mich auch die intensivste Art ein Buch zu lesen. Denn sie verlangt, dass man sich mit jedem Wort auseinandersetzt und es in der eigenen Sprachkultur interpretiert.

Das klingt auf jeden Fall nach einer anspruchsvollen Arbeit … Wie konntest du die nötige Zeit trotz deiner beruflichen und wissenschaftlichen Tätigkeiten noch aufbringen?

Meine erste Reaktion auf das Verlagsangebot war in der Tat: Am liebsten würde ich sofort zusagen, aber ist das überhaupt machbar? Gleichzeitig die Übersetzung fertig zu stellen und effektiv an der Dissertation zu arbeiten, wäre sicher utopisch gewesen. Ich hatte jedoch das Glück, dass mich sowohl mein Doktorvater als auch das GCSC bei dem Übersetzungsprojekt sofort unterstützt haben. Das heißt, ich habe zwar weiter die Redaktion von KULT_online betreut, konnte mir aber eine Auszeit von meiner Promotion nehmen – auch weil es sich um einen durch den Abgabetermin beim Verlag eindeutig begrenzten Zeitraum handelte. Dadurch hatte ich gleich einen konkreten Zeitplan vor Augen: Ich hatte genau fünf Monate Zeit. So habe ich ausgerechnet, wie viele Seiten ich pro Tag schaffen musste, um fertig zu werden.
Etwa die Hälfte der Kapitel wurden zwischendrin schon für die Buchhandelsvertreter als Leseprobe abgenommen. Diese waren offenbar sehr zufrieden, und so habe ich ein bisschen Absicherung bekommen, dass ich nicht ganz falsch liege, mit meiner Arbeit.

Das klingt nun ja – in Anbetracht der schwierigen Aufgabe und des Übersetzerpreises – sehr bescheiden. Gibt es denn auch Momente, in denen du als Übersetzerin stolz auf deine Arbeit bist?

Ich finde es schön, wenn Leute an den richtigen Stellen lachen. Denn das zeigt mir ja, dass ich es geschafft habe, den Humor des Autors in die deutsche Sprache zu übersetzen. Und der Preis ist natürlich ebenfalls eine wunderbare Ermutigung, weiterhin Literatur zu übersetzen. Dass ich die Leidenschaft habe, wusste ich schon, dieser Preis sagt mir nun, dass ich offenbar auch Talent dafür habe.

Hast du denn selbst ein Lieblingskapitel?

Mir gefällt das Kapitel „Tore entdeckt das Web“, wo zwei Figuren sich im Chatroom kennenlernen und E-Mail-Kontakt aufbauen. Es zeigt, wie man sich im Netz als jemand anderer ausgeben kann, als man ist. Tore stilisiert sich zum Beispiel mithilfe von Zitaten, die er über Google gefunden hat, als intellektueller Kunstliebhaber statt als Bergbauer. Das Kapitel zeigt auf sehr amüsante Art aber auch, wie diese Inszenierung doch immer wieder fehlschlägt. Es hat Spaß gemacht, das zu übersetzen. Mir gefällt natürlich ebenso das Kapitel über Erinnerungskultur, denn damit setze ich mich auch in meiner Dissertation auseinander. In „Die Geschichte von Inclinatus und seinem Denkmal“ wird ein Monument von jeder neuen Regierung umgestaltet. Das ist eine so treffende Satire auf die italienische Erinnerungskultur nach 1945.

Man merkt, dass Brot und Unwetter mit seinen sprachverliebten Herausforderungen deine Leidenschaft als Übersetzerin geweckt hat. Hast du denn vor, diese Leidenschaft auch im Hinblick auf andere Autoren, etwa als berufliche Perspektive zu realisieren?

Mein Traum war es schon länger, in Zukunft Teil- oder Vollzeit als Übersetzerin tätig zu sein. Schon bevor ich von dem Preis wusste, waren die meisten Reaktionen auf die Übersetzung positiv ausgefallen – im August soll Brot und Unwetter deshalb noch als Taschenbuch erscheinen. Das hatte mich darin bestärkt, nicht nur zu träumen, sondern meine Zukunft als Übersetzerin konkret anzugehen. Mit dem Renommee des Preises wird es nun hoffentlich einfacher, an neue Übersetzungsaufträge auch von anderen Verlagen zu kommen.
Außerdem ist der Preis mit einem Studienaufenthalt in Italien verbunden, wahrscheinlich in Rom, darauf freue ich mich schon riesig. Ein nächstes Übersetzungsprojekt habe ich außerdem schon. Stefano Benni hat erfreulicherweise letzten Herbst einen neuen Roman auf Italienisch publiziert, den ich wieder für Wagenbach übersetzen darf. Sobald ich also jetzt im Februar meine Dissertation eingereicht haben werde, mache ich mich wieder ans Übersetzen. Die deutsche Fassung wird dann voraussichtlich im Frühjahr 2014 erscheinen. Aber nun muss ich erst noch die Dissertation fertig überarbeiten und einreichen.

Kannst du denn hierfür auch einen Nutzen ziehen aus der Übersetzungsarbeit?

Direkt mit meiner Fragestellung oder den von mir untersuchten Romanen hatte die Übersetzung des Romans von Stefano Benni nichts zu tun. Allerdings ist die intensive Auseinandersetzung mit der Sprache und die Suche nach treffenden Worten auf jeden Fall auch für die wissenschaftliche Arbeit nützlich. Auch als Literaturwissenschaftlerin liest man einen literarischen Text ja sehr genau, achtet auf Mehrdeutigkeiten von Wörtern, sprachliche Korrespondenzen innerhalb eines Romans oder Anspielungen auf andere Texte. Das Übersetzen schärft also einen solchen genauen Blick bei der Lektüre. Und beim eigenen Schreiben denkt man automatisch mehr an die Lesefreundlichkeit. Das ist schließlich auch für wissenschaftliche Text wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die diversen eigenen und übersetzten Bücher, die noch folgen werden!

Das Interview erschien im Februar 2013 auf CultDoc unter der URL http://wi.uni-giessen.de/wps/pgn/news/det/cultdoc/728/gcsc-doktorandin-mirjam-bitter-gewinnerin-des-nachwuchsfoerderpreises-zum-deutsch-italienischen-uebersetzerpreis/, ist dort aber mittlerweile (Stand 2020) nicht mehr abrufbar.